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UnsraW im Shibuya-O-West
Datum: 2010.10.25
 Konzert 
Künstler:   UnsraW  
Datum Konzert: 2010.10.25
Bild © 2010 Stefanie Held
Es waren nur 20 Minuten, die UnsraW im Rahmen des Events GALAXY PRESENTS ヴァルナ主催 「Theater of Infernal-第三幕-」 auf der Bühne im O-West in Shibuya performten, es kann sich allenfalls um einen Vorgeschmack auf das handeln, was die Fans bei den Konzerten ihrer Europatour erwartet, die am 21. November startet. Eigentlich kaum genug Zeit für Band und Publikum, um warm zu werden. Drummer Shou, Bassist Jin, die beiden Gitarristen Tetsu und Madoka und ganz besonders Sänger Yuuki schaffen es jedoch zwischen den bestimmenden Themen ihrer Musik – Schmerz und Liebe – eine ganze Welt zu erschaffen. Zwischen diesen beiden Polen schreit der Sänger seine Wut heraus, bricht vor Verzweiflung in Tränen aus und sucht körperlichen Kontakt zu seinen Fans, nachdem sie sich gegenseitig aus dem Weg gestoßen haben, um von ihm mit Wasser bespuckt zu werden.

UnsraW's Musik kann man aufgrund der verzerrten Gitarren, dem Growling und dem aggressiven schlagzeugbetonten Rhythmus musikalisch und stilistisch dem Metal zuordnen, auch wenn die Band immer wieder ihre Zugehörigkeit zum Visual Kei betont hat. Die gebe ihnen die Freiheit, sich musikalisch bei diversen Stilen zu bedienen, um sich auszudrücken. Beim Opener ZERO setzt die Band Industrial-Sound ein und erzeugt damit auf der Bühne die düstere Stimmung einer heruntergekommenen Fabrikhalle. Das zweite Stück under the skin beginnt temporeich und sorgt für Headbangen auf und vor der Bühne.
Es ist aber vor allem das Optische, das sofort ins Auge fällt und durch Aggressivität besticht, angefangen beim dominierenden Schwarz auf der Bühne über die Grimassen, die die Musiker schneiden, bis hin zu den militärischen Uniformen. An deren Schnittführung kann man sich stören, man muss der Band aber zugute halten, dass sie auf diktatorische Symbole und charakteristisches Braun verzichtet.

So wird dem Konzertbesucher das Thema Schmerz auch ziemlich schnell offenbar. Spätestens als Yuuki schreiend auf seinem Gitterkasten zusammenbricht, lässt sich mehr als erahnen, dass es keine angenehmen Dinge sind, die ihn im betreffenden Song musikalisch antreiben mögen. Ob ein schauspielerisches Fähigkeiten zu dieser mitreißenden Performance beiträgt, sei dahingestellt. Schmerzen sind dem Rocker jedoch nicht fremd, aufgrund einer schweren Krankheit musste die Gruppe lange pausieren, während er im Krankenhaus behandelt wurde und schon bald Gerüchte aufkamen, er sei bereits verstorben. In Interviews zeichnet er ein düsteres Bild der eigenen Kindheit, von den Eltern, die ihn zum Lernen angetrieben hätten und seiner ersten Begegnung mit seiner späteren Leidenschaft der Musik: Mutter und Vater hätten ihn mit drei Jahren gezwungen, Klavierstunden zu nehmen.

Man fragt sich also, wo die Liebe ist, die UnsraW als Grundpfeiler ihrer Musik angeben und die man auch in ihren Lyrics kaum findet. Der vierte Song des Abends Platonic Bitch geht in der Live-Version um einiges mehr unter die Haut, um ein Liebeslied handelt es sich jedoch beim besten Willen nicht. Jemand, der diese Band noch nie live gesehen hat, wird bei ihrer Show im O-East vor allem staunen und zwischen Faszination aber auch einer gewissen Ablehnung gegenüber all der Aggressivität und Düsternis, die dem Publikum von der Bühne aus entgegen prallt hin und her gerissen werden. Man kann aber auch erkennen, wie das Publikum der Band entgegen kommt. Während des Songs 嗤い鬼 (warai oni) mit seinem harten Gitarrenriff überwindet Yuuki den Graben zwischen Bühne und Zuschauerraum und unzählige Hände drängen sich ihm entgegen. Dann erklimmt er die Absperrung und lässt sich von ihnen in die Menschenmasse hinein ziehen. Das Sicherheitspersonal verfolgt die ganze Aktion natürlich mit Argusaugen und vielleicht fragen sie sich auch, was das ist. Stagediving jedenfalls nicht, UnsraW's Sänger wirkt eher als würde er im Meer treiben, da lediglich sein Kopf oben ist. Trotz des Make-ups kann man jedoch erkennen, dass seine Gesichtszüge nun sehr entspannt sind.

Ob hier nun die Liebe, die im Schaffen der Band zu finden sein soll, zu suchen ist, oder nicht, Tatsache ist, das sie eine enge Verbindung zu ihren Fans haben. Und Liebe ist schließlich auch ein starkes Gefühl, das zwischen Menschen entsteht und diese verändert und zuweilen in Ekstase versetzt. Die Fans im Shibuya-O-West gehen vom ersten Ton an voll mit der Band und ihrer Musik mit. Bevor das Licht im Saal ausging, konnte man Mädchen mit sanften Gesichtern sehen, manche hatten ihre Schulsachen noch dabei, andere trugen sommerliche Blümchenkleider. Während der Show sieht man jedoch nur noch eine Masse aus Fäusten und immer wieder Köpfe die sich in einem simultanen Headbangen Richtung Bühne bewegen. Es scheint als würden die Musiker mit ihren Fans auf gewisse Weise eins.
Vielleicht ist es mit der Suche nach dem Thema Liebe im Schaffen der Band aber auch viel einfacher. Um das Sprichwort einmal umzukehren, ist da, wo Schatten ist, eben auch Licht. Yuukis Eltern mögen ihn gezwungen haben, das Klavierspiel zu erlernen, heute ist er als Musiker erfolgreich und beherrscht Klavier, Schlagzeug und Gesang. Wenn die Fans mit ihren eigenen Sorgen und Schmerzen zu den Konzerten kommen und gemeinsam mit der Band diese Frustrationen herauslassen, so entsteht daraus zwischen vielen Menschen ein offensichtlich sehr angenehmes Gefühl. Wer sich ein eigenes Bild davon machen möchte oder einfach nur dieses Live-Ereignis genießen möchte, kann die vom 21. bis 27. November auf ihrer Europatour erleben. UnsraW spielen am 23.11. im Magnet Club in Berlin.

Setliste
0. ZERO
1. under the skin
2. 空 (sora)
3. Dust to Dust
4. Platonic Bitch
5. 嗤い鬼 (warai oni)
Author: Stefanie Held
letzte Änderung: 2011-05-22